Die aktuelle Rhetorik gefällt mir überhaupt nicht

Es ist schon ein bisschen her, dass ich im Netz dieses Bild gesehen habe:

 

[Quelle: The Sun]

Ich konnte mir nicht helfen, ich musste augenblicklich an so etwas hier denken:

[Quelle: Learn NC]

Wohlgemerkt: im ersten Bild geht es aktuell um den möglichen Austritt eines Landes aus der EU. Beim zweiten um Kriegspropaganda aus dem ersten Weltkrieg. Ich finde es erschreckend, wie ähnlich die Wortwahl ist (die Illustration des 2. Bildes mal beiseite gestellt). Oder geht nur mir das so?

Wahrscheinlich nicht, denn zu einer ähnlichen Zeit erschien der folgende Artikel in der deutschen Ausgabe des Le Monde Diplomatique: „Beethoven der Hunne – Propaganda gegen Deutschamerikaner während des Ersten Weltkriegs„. Der Anfang des Artikels spielt mit Sätzen, die man auch auf die aktuelle Situation in Europa mit Anschlägen und Hintermännern in Frankreich bzw. Belgien beziehen könnte:

Das Land der Freiheit erklärt der Barbarei den Krieg. Einer fernen Macht, die Frankreich und Belgien angreift, die Zivilisation verachtet, Kinder tötet, Mädchen vergewaltigt. Mit Unterstützung der Bevölkerung verkünden die Regierenden ihren Willen, den Feind zu vernichten. Man zeigt Flagge. Während die Soldaten in den Kampf ziehen, bleibt auch die Zivilbevölkerung daheim nicht untätig. Hat sich der Feind nicht auch hier versteckt, hier unter uns? Die scheinbar rechtschaffenen Einwanderer, sind sie nicht eine heimliche Armee von Spionen und Verrätern?

Ich finde den gesamten Artikel sehr lesenswert und möchte nicht alles im Detail wiederholen. Nur die Sache mit Rhetorik in Form von Begriffsänderungen. Laut Artikel wurde damals zu Zeiten des 1. Weltkriegs z.B. „sauerkraut“ in „liberty cabbage“ umbenannt. Klingelt da bei jemandem was? Richtig, 2003 wurden aus „french fries“ die „freedom fries„, weil Frankreich gegen den Einmarsch im Irak war. Ich kann mich noch gut daran erinnern.

Und wieder nicht lange danach – bezogen auf den LMD Artikel – gab es eine weitere Sache, bei der ich die Rhetorik als zu scharf empfinde: die Reaktionen auf die Bundestagsresolution zum Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich. Türkischstämmige Abgeordnete sollten sich eines Bluttests unterziehen und seien die Verlängerung einer türkischen Terrororganisation in Deutschland: „Erdogan für Blutprobe bei türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten„. Mit der Folge, dass in den Radio-Nachrichten heute morgen gemeldet wurde, aufgrund der Drohungen sei es für sie derzeit nicht ratsam, in die Türkei zu reisen, siehe z.B.: „Armenien-Resolution: Auswärtiges Amt rät Abgeordneten von Türkei-Reisen ab„.

Ich habe selbst keine Angst vor islamistischem Terror, aber ich habe die Befürchtung, wir kriegen eine Spaltung Europas und heftige Konflikte auch ohne ihn hin. Ich habe ein mulmiges Gefühl, sollte es demnächst wieder passieren, dass Begriffe ersetzt werden wie vor ca. 100 Jahren mit dem „liberty cabbage“ oder vor 13 Jahren mit den „liberty fries“…

Linktipps vom 22.01.2012

Nach einer längeren Pause kommt hier das erste Posting in 2012, das aus Links zu Artikeln besteht, die ich in den letzten Wochen gesammelt habe. Es ist zwar nichts so alt wie die Nachrichten von gestern, aber vielleicht taugt es, zu dem ein oder anderen Thema in Ruhe mehrere Sichtweisen nachzulesen…

Komische Aussage im Spiegel

Im Artikel zur Titelstory „Geht die Welt bankrott?“ heißt es

Ohne die Schuldenexzesse des vergangenen Jahrzehnts wäre wohl kein Land ernsthaft in Schieflage geraten. Es hat sich gezeigt, dass Schuldenquoten […] von 80, 90 oder mehr als 100 Prozent früher oder später Zweifel an der Kreditwürdigkeit eines Landes aufkommen lassen.

Die ominösen Finanzmärkte sind dabei weder gut noch böse, sie agieren nur vernünftig – und überlassen das ohnehin immer öfter den Algorithmen ihrer Computer, die schneller handeln als jeder Mensch.

(zitiert aus „Welt am Abgrund“, Spiegel 32/2011, S.71)

Kein Wort dazu, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Staatsschulden durch Rettungsmaßnahmen für den Bankensektor erst vor kurzem dazugekommen ist. Und der Satz zu den Märkten soll den Leser wohl glauben machen, dass keiner was dafür kann, dass die Finanzakteure so handeln, wie sie handeln. Als ob nicht Menschen durch Lobbyarbeit darauf hinarbeiten könnten, „dem Markt“ so viel Spielraum zu bieten. Und die Computerprogramme haben sich sicher auch selbst geschrieben…

Hans-Peter Uhl fordert reflexartig die Vorratsdatenspeicherung

Als ich diesen Artikel (Mehr Schutz durch gespeicherte Vorratsdaten?) heute Morgen gesehen habe, dachte ich schon, das kann nicht wahr sein. Die beiden Anschläge in Norwegen sind noch gar nicht großartig aufgearbeitet, da prescht Hans-Peter Uhl mit einer Forderung nach der Vorratsdatenspeicherung voran.

Mittlerweile gab es genügend Reaktionen darauf, die u.a. thematisieren, wie in dem konkreten Fall die Vorratsdatenspeicherung so gar nicht geholfen hätte. Dann kann ich mir das glücklicherweise ersparen.

Aber einen Absatz aus dem Artikel möchte ich dennoch kommentieren. Herr Uhl wird dort wie folgt zitiert:

Uhl forderte die FDP auf, ihren Widerstand aufzugeben: „Alle Sicherheitsexperten sind dieser Meinung, mit Ausnahme der Bundesjustizministerin“, kritisierte er.

Wer sind denn bitteschön „Alle Sicherheitsexperten“?

Und da wundern sich die Leute über Politik(er)verdrossenheit, wenn solche reflexartigen Vorschläge mit solch pauschalen Totschlagargumenten kommen, die einfach nur sinnlos Zeit verbrennen und keinen weiterbringen.